Interview zum Equal Pay Day 2016

"Frauendominierte Berufe werden im Durchschnitt schlechter bezahlt"

Frauen verdienen nach wie vor weniger als Männer. Wir sprachen mit Jutta Höhne, Referatsleiterin beim Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der Hans-Böckler-Stiftung, über mögliche Gründe, Forderungen an die Politik und die doppelte Benachteiligung von Frauen mit Migrationshintergrund.

Karsten Schöne

Jutta Höhne, Referatsleiterin beim Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der Hans-Böckler-Stiftung. Jutta Höhne, Referatsleiterin beim Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der Hans-Böckler-Stiftung.
18.03.2016
  • Von: Alexander Reupke
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Frauen erhielten im Jahr 2014 laut Statistischem Bundesamt durchschnittlich 22 Prozent weniger Entgelt als Männer. Wie erklären Sie sich diese Lücke?

Ein wichtiger Faktor ist der ausgeübte Beruf:  Frauen konzentrieren sich in einem schmalen Spektrum. Nach wie vor erlernen die meisten weiblichen Auszubildenden einen Dienstleistungsberuf, und auch Studienanfängerinnen entscheiden sich nur selten für Mathematik oder Naturwissenschaften. Frauendominierte Berufe werden im Durchschnitt schlechter bezahlt – oft, weil die Anforderungen an Verantwortung, Wissen und Belastung für diese Tätigkeiten nicht angemessen bewertet werden.

Ein weiterer entscheidender Faktor sind die unterschiedlichen Karriereverläufe: Frauen sind seltener in den höheren und besser bezahlten Leistungsgruppen und auf Führungspositionen beschäftigt.

Zudem arbeiten sie häufiger als Männer in Teilzeit oder sind ausschließlich geringfügig beschäftigt, und damit in Beschäftigungsformen, die in Deutschland wesentlich schlechter bezahlt werden als eine Vollzeittätigkeit.

Was fordern Sie von der Politik, um dieses Problem zu beseitigen?

Es gibt einen Rechtsanspruch auf gleiches Entgelt für gleichwertige Arbeit. Politisch sollte darauf hingewirkt werden, Anforderungen, Verantwortung und physische wie psychische Belastungen in Berufen, die überwiegend von Frauen verrichtet werden – wie etwa im Sozialwesen, im Gesundheitssektor und in der Bildung – einem Vergleich zu männerdominierten technischen oder handwerklichen Tätigkeiten zu unterziehen und Fehlbewertungen zu korrigieren. Praktische Handlungshilfen dazu gibt es bereits - das Projekt eg-check.de hat eine Vielzahl von Materialien dazu erarbeitet.

Sind Frauen mit Migrationshintergrund auf dem deutschen Arbeitsmarkt besonders benachteiligt bei ihrer Suche nach einer angemessen bezahlten Beschäftigung?

Generell sind (nicht nur in Deutschland) qualifizierte Zuwanderinnen im Nachteil, weil auch sie häufig eine Ausbildung in den Bereichen Soziales, Erziehung und Dienstleistungen mitbringen, in denen sehr gute Deutschkenntnisse gerade für anspruchsvolle und gut bezahlte Tätigkeiten besonders wichtig sind, während Sprachdefizite in meist männerdominierten handwerklichen und technischen Berufen weniger stark ins Gewicht fallen.

Diskriminierung in Bewerbungsverfahren z.B. allein nach dem Namen ist ein Problem, das männliche wie weibliche Migranten betrifft. Eine Studie aus dem Jahr 2013 hat jedoch gezeigt, dass  kopftuchtragende Frauen mit türkischem Migrationshintergrund gegenüber Frauen ohne Migrationshintergrund besonders benachteiligt werden.

Welche Rolle spielt das Ausbildungsniveau der Frauen mit Migrationshintergrund?

Menschen mit Migrationshintergrund sind im Durchschnitt formal geringer qualifiziert. Ein Hauptgrund dafür ist, dass Berufsausbildungen, wie sie in Deutschland bekannt und bewährt sind, in vielen Herkunftsländern nicht üblich sind. Die Qualifikationslücke fällt unter Frauen noch etwas deutlicher aus als unter Männern: Im Jahr 2014 hatten 88 % der 25- bis 64jährigen Frauen ohne Migrationshintergrund einen berufsqualifizierenden Abschluss, unter den Migrantinnen waren es nur 60 % (zum Vergleich die Zahlen für Männer ohne Migrationshintergrund: 90 % mit berufsqualifizierendem Abschluss, Migranten: 65 %, Daten: detatis). Aber auch eine formal abgeschlossene Qualifikation hilft nicht immer weiter: Ausländische Abschlüsse werden von Arbeitgebern oft als nicht adäquat zu inländischen Zeugnissen angesehen. Anpassungsqualifizierungen und Nachschulungsmöglichkeiten stehen jedoch noch nicht in ausreichendem Maße zur Verfügung.

Somit werden auch qualifizierte Zuwanderinnen häufiger unter ihrer Qualifikation beschäftigt und in schlecht bezahlte Branchen abgedrängt – der Migrantinnenanteil ist im Gastgewerbe und in den privaten Haushaltsdienstleistungen überproportional hoch.

Sind Frauen aus bestimmten Staaten oder Regionen davon besonders betroffen?

Besonders problematisch ist die Qualifikationsstruktur der Zuwanderinnen aus Drittstaaten, vor allem aus der Türkei, Afrika und Asien – allerdings sind auch die männlichen Zuwanderer aus diesen Regionen ähnlich häufig ohne Berufsabschluss.

Frauen sind besonders häufig und oft ungewollt in Teilzeit beschäftigt. Gilt das auch für Migrantinnen?

Ja, sogar in besonders starkem Maße: Über 25 % der teilzeitbeschäftigten Migrantinnen würden gern mehr arbeiten, unter den teilzeiterwerbstätigen Frauen ohne Migrationshintergrund liegt dieser Anteil bei etwa 18 % (Daten für 2012, eigene Berechnungen). Vor allem hochqualifizierte Zuwanderinnen aus Drittstaaten und der EU Ost sowie Aussiedlerinnen mit Hochschulabschluss sind mit ihrem Teilzeitstatus unzufrieden.

Kann der Betriebsrat auf Unternehmensebene Verbesserungen für Migrantinnen erreichen?

Der Abbau von Diskriminierung in Einstellungsverfahren und die Berücksichtigung der besonderen Belange prekär Beschäftigter mit Migrationshintergrund sind ein wichtiges Aufgabenfeld der betrieblichen Interessenvertretungen. Betriebsräte sollten sich für die sprachliche und fachliche Weiterbildung von Frauen mit Migrationshintergrund stark machen und sich dafür einsetzen, dass unterwertig beschäftigten Migrantinnen im Unternehmen qualifikationsgerechte Stellen angeboten werden.

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