Fragen & Antworten

Mitreden heißt mitgestalten: Die IG-BCE-Beteiligungsplattform

Im vergangenen November hat die IG BCE auf ihrem Zukunftskongress in Essen eine breite Debatte über kommende Herausforderungen für die Gewerkschaft angestoßen. Nun sind die mehr als 600.000 Mitglieder eingeladen, sich an dieser Debatte zu beteiligen und Feedback zu zentralen strategischen Themen der Organisation zu geben – auf einer Online-Plattform, die bis zum Ende des Jahres 2020 Gelegenheit zum Mitwirken geben soll. Der IG-BCE-Vorsitzende Michael Vassiliadis beantwortet die wichtigsten Fragen zu dem neuen Format.

Helge Krückeberg

Michael Vassiliadis, IG-BCE-Vorsitzender Michael Vassiliadis, Vorsitzender der IG BCE
18.02.2020

Warum setzt die IG BCE im Zuge ihres Zukunftsprozesses "Perspektiven 2030+" auf eine Online-Beteiligungsplattform für alle Mitglieder?

In einer von vielfältigen Umbrüchen geprägten Zeit schmelzen alte Gewissheiten dahin. Ein tiefgreifender Wandel unserer Gesellschaft, eine zunehmende Polarisierung der politischen Landschaft, die Globalisierung, die Digitalisierung und schließlich die klimagerechte Transformation unserer Industrien: Das sind wesentliche Prozesse und Herausforderungen, die bereits heute auf die IG BCE wirken. Wir wollen diesen tiefgreifenden Wandel so vorausschauend wie möglich anpacken – und auf breitestmöglicher Basis. Wir glauben, dass gerade in dieser anspruchsvollen Zeit Solidarität und die verbindende Kraft gemeinsamer Ziele immer wichtiger werden. Mit der Beteiligungsplattform wollen wir alle Mitglieder dazu einladen, diesen Wandel mitzudiskutieren und mitzugestalten: Die Summe ihrer Mitglieder macht die IG BCE zur Zukunftsgewerkschaft!

Also die IG BCE als "Mitmachgewerkschaft"?

Als demokratische Organisation war sie das natürlich schon immer. Neu ist aber, dass die IG BCE künftig auch mit Mitgliedern ohne weitere Mandate und Funktionen in der Organisation stärker in den Dialog treten will. Dazu setzen wir bewusst auf niedrigschwellige, online-gestützte Formate wie eben die Beteiligungsplattform. Sie ermöglicht orts- und zeitunabhängige Teilhabe an wichtigen Prozessen der IG BCE. In Zeiten, in denen sich Arbeit und Leben immer weiter beschleunigen und verdichten und Zeit ein immer knapperes Gut wird, scheint uns das ein guter Weg, um möglichst viele Mitglieder zu erreichen.

Ändern Formate wie die Beteiligungsplattform etwas an der Legitimierung der Entscheidungen in der IG BCE?

Nicht im engen Sinn: Denn selbstverständlich bleiben die satzungsgemäßen Entscheidungswege, etwa über Gremien wie Delegiertenkonferenzen, und die Beschlussfassung auf den Gewerkschaftskongressen wie gehabt bestehen und bindend. Aber dieser "Offline-Strang" der Entscheidungsfindung lässt sich sinnvoll durch einen Online-Strang ergänzen: Mitglieder werden auf der Beteiligungsplattform regelmäßig und transparent über den Stand unserer Entscheidungsprozesse informiert und können den Sachstand in Online-Foren miteinander diskutieren. Sie können Anregungen geben und Themen adressieren, die sie für wichtig erachten. Sie können gleichsam "Schwarmintelligenz" in die Prozesse einbringen. Das bedeutet natürlich nicht, dass immer 1:1 umgesetzt wird, was auf der Plattform erörtert wird, aber die Meinungen und Kompetenzen aus der Mitgliedschaft können in den entscheidenden Gremien künftig besser berücksichtigt werden.

Wie sehen die nächsten Schritte der Mitgliederbeteiligung konkret aus?

Beginnend Anfang März können unsere Mitglieder mitdiskutieren. In der ersten Phase wollen wir die vier Zukunftsszenarien, die im vergangenen November auf dem Zukunftskongress in Essen vorgestellt wurden, zur Debatte stellen. Sie bilden gleichsam vier mögliche Rahmen, in denen sich die IG BCE in der kommenden Dekade behaupten muss. Weil wir heute nicht mit Bestimmtheit sagen können, auf welches Szenario wir zusteuern – etwa technologiegetriebenes "grünes" Wachstum, Konjunkturhemmung durch rigider werdende Klimaschutzauflagen oder gar eine politische und wirtschaftliche Krise – ist es umso wichtiger, sich auf alle Möglichkeiten vorzubereiten. Deshalb werden wir alle vier Szenarien zur Diskussion stellen. Diese Mitgliederdebatte fließt ein in den nächsten Abschnitt des Zukunftsprozesses, die Entwicklung von Zukunftsprogrammen zu zentralen Themen wie zukunftsweisende Tarifarbeit oder einem neuen industriepolitischen Leitbild. Diese Programme können dann ebenfalls in der Mitgliedschaft diskutiert werden - und so soll sich der Prozess bis zum Kongress fortsetzen. Unser Ziel ist ein kontinuierlicher Dialog mit unseren Mitgliedern.

Brauchen Gewerkschaften künftig noch mehr Engagement aus der Basis?

Wie alle demokratischen Institutionen leben auch Gewerkschaften zuallererst von den Menschen, die sie tragen. Früher war die Bereitschaft, sich mit einem gewissen Kraft- und Zeitaufwand in die Arbeit von Gewerkschaften, Parteien, Kirchen und Vereinen einzubringen sicher ausgeprägter und verbreiteter. Aus dem unübersehbaren Schwinden der gesellschaftlichen Verankerung demokratischer Institutionen den Schluss zu ziehen, dass sich immer weniger Menschen für Politik und die Gestaltung des Gemeinwesens interessieren, hält die IG BCE aber für falsch. Vielmehr müssen in einer von Zeitknappheit und Individualisierung geprägten Gesellschaft neue Formen der Beteiligung gefunden werden. Online-Formate wie die IG-BCE-Beteiligungsplattform tragen diesen Rahmenbedingungen Rechnung – und sind zudem gerade bei den digital sozialisierten jüngeren Generationen - den "Mitgliedern von Morgen" - längst "gelernte" Formen der Meinungs- und Willensbildung.

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